Dienstag, 16. Mai 2017

Erwartungsdruck und Leistungsanspruch - wie ich mich befreit habe

Erwartungsdruck ist ein fieses Gefühl! Es wirkt sich auf verschiedene Ebenen der Körper-Geist-Seele Einheit aus. Ich neige zum Beispiel dazu Magenschmerzen zu bekommen, so ein übles Gefühl im Bauch. Andere bekommen Kopfschmerzen, Muskelverspannungen oder andere psychosomatische Symptome. Werden diese Zeichen des Körpers ignoriert, kommen nach einiger Zeit meist noch Schlafstörungen, Appetitlosigkeit und Antriebsschwäche dazu. Reagiert man auch darauf nicht, streikt der Körper irgendwann komplett und man ist quasi handlungsunfähig. Diagnose: Depression! Nichts geht mehr. Das Leben hat einen in die Enge getrieben und fragt: Möchtest du wirklich so weiter machen?

Erwartungsdruck kommt meist aus der Kindheit. Wir wollten unsere Eltern so gerne stolz machen und strengten uns daher besonders an, um möglichst unter den Besten zu sein. Problematisch wird es dann, wenn wir anfangen unsere Freude zu verlieren und immer verbissener um unseren Platz im Sonnenlicht kämpfen.


So ist es mir ergangen. Aufgewachsen in einer Akademiker Familie mit Überflieger-Noten, fühlte ich mich schon schlecht, wenn ich nur mit einer "3-" nach Hause gekommen bin. Meine Eltern gaben sich wirklich alle Mühe, sich nichts anmerken zu lassen, doch ich spürte sehr wohl, dass ich "unausgesprochenen" Erwartungen nicht so ganz gerecht werden. Es gab durchaus Fächer wo ich glänzte - Pädagogik, Deutsch, Englisch und Philosophie zum Beispiel, aber der Fokus lag immer mehr auf den Fächern, wo es noch etwas hakte - Mathe, Physik, Chemie und Französisch. Ich fühlte mich dumm und minderwertig, und das, obwohl ich alles andere als "versetzungsgefährdet" war.

Damals war ich 15 und wollte unbedingt ein Auslandsjahr machen. Mein Vater machte mir den Deal, dass er den Aufenthalt finanziert, wenn ich es schaffe mit einem gewissen Notendurchschnitt eine Klasse zu überspringen. Ich willigte ein und strengte mich fortan sehr an. Es funktionierte. Meine Noten wurden besser und ich durfte nach Australien. Auch nach meiner Rückkehr wurden meine Noten immer besser. Ich hatte endlich verstanden wie das System Schule funktioniert: Du findest heraus, was der Lehrer hören will, lernst alles brav auswendig und käust es dann in der Klausur wieder. Originelle Gedankengänge könnten hingegen missverstanden werden und zu Punktabzug führen. Das Abitur meisterte ich mit 1,8 (und war damit trotzdem die Schlechteste in meiner Familie). Ehrlich gesagt, war ich einfach nur froh, dass es vorbei war (wie man auf dem Bild sieht).


Nach dem Abitur bin ich dann das erste Mal nach Afrika gefahren und habe dort eine ganz andere Art zu leben kennengelernt. Die Menschen schienen viel lockerer, glücklicher und präsenter. Das tat mir richtig gut und ich dachte innerlich: Ach, so möchtest du fortan auch in Deutschland leben. Ich freute mich auf ein Studentenleben in Freiheit.

Leider musste ich schnell feststellen, dass die Uni nicht sonderlich anders funktioniert. Wieder ging all meine Energie ins Auswendiglernen von irgendwelchen altbacken Theorien. Ich wechselte nach einem Semester frustriert den Studiengang und war fasziniert von der Wahlfreiheit und den vielen interessanten Kursen, die mir nun offen standen. Wären da nur nicht die vielen Hausarbeiten gewesen.

Egal wie interessant das Thema war und wie viele Stunden ich mit Literaturrecherche verbracht habe, ging es ans Schreiben, kam ich jedes Mal mit einer Armee unguter Gefühle in Kontakt. Meine Strategie: Noch mehr recherchieren, erstmal Copy-Paste und dann das Ganze irgendwie in eine wissenschaftliche Form bringen. Das klappte auch erstaunlich gut, nur fühlte ich mich als Betrügerin. Was davon war mein eigener Anteil? Mein kreativer Input schien nicht willkommen (außer im Fazit vielleicht). Ich schloss mein BA Studium mit 1,4 ab (immer noch die Schlechteste 😡), doch von "wissenschaftlichem Arbeiten" hatte ich erstmal die Schnauze voll.


Ich ging nach Südafrika und es war, als ob eine riesen Last von mir abfiel. Ich liebte die neu gewonnene Freiheit und Unabhängigkeit. Ich blieb länger als geplant und genoss mein Leben, wenn es auch finanziell immer nur so gerade für den Monat reichte. Mein Vater bot mir an ein Masterstudium zu finanzieren, wenn ich das wollte. Ich war skeptisch, doch als ich "Empowerment Studies" als Option entdeckte, entschied ich mich für den Schritt zurück nach Deutschland.

Doch auch dieser Studiengang brachte mich an den Rand meiner Kräfte. Ich spürte wieder eine gehörige Portion Erwartungsdruck und dachte zwischenzeitlich sogar daran, das Studium zu schmeißen und nach Südafrika zurückzugehen. Ich wollte aber auch nicht einfach aufgeben und "weglaufen" und so entschied ich mich stattdessen für eine Psychotherapie. Ich wollte der Sache auf den Grund gehen...

Ich bin mit viel Erwartungsdruck aufgewachsen, speziell was Leistung angeht, und es hat mich enorm viel Kraft gekostet diese Erwartungen auch immer brav erfüllen zu wollen. Ich habe versucht mich in eine Form zu pressen, die nicht meine ist. Manchmal denke ich: ich bin ein Elefant in Deutschland, der versucht ein Hund zu sein 😉

Wie geht es euch diesbezüglich? Leidet ihr vielleicht auch unter Erwartungsdruck und fühlt euch davon belastet? Wie geht es euren Partnern? Dürfen sie hier einfach "sein"?

(Verzeiht mir übrigens, dass ich hier so viel über "mich" rede. Dieser Blog wird ungewollt zu meiner eigenen Psychohygiene. Ich hoffe, dass ich in Zukunft auch nochmal informative und nützliche Texte fabriziere 😄)

Alles Liebe,
Mira




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